„Sie sortiert lieber ihre Stifte.“ Was Lehrer für Verträumtheit halten, ist oft ein Nervensystem, das nach Interesse steuert

Aug. 16, 2026 | Familie, Alltag & Selbstfürsorge, Kinder, die viel fühlen, Sensible & feinfühlige Kinder

Ich gebe zu, ich bin selbst erstmal in die Falle getappt, die ich hier eigentlich beschreiben will.

Meine Tochter kam nach ihrer ersten Schulwoche zu mir und sagte, ganz unaufgefordert: „Ich bin enttäuscht. Schule habe ich mir ganz anders vorgestellt."

Und ich dachte: Naja, sie ist halt noch verspielt. Sie hat den Ernst der Schule einfach noch nicht erkannt. Das wird schon.

Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das nicht die Erklärung war.

Was dahintersteckt, hat inzwischen einen Namen für mich: stille ADHS. Eine Form, die nicht auffällt, sich nicht durch Zappeln zeigt, und die deshalb leicht übersehen wird.

Meine Tochter ist ein Kind, das alles wissen will. Sie fragt, sie liest, sie gräbt sich in Dinge rein, bis sie sie versteht. Aber in der Schule läuft das anders. Da ist nicht das dran, was sie gerade interessiert. Da ist dran, was der Stundenplan sagt.

Vielleicht kennst du diesen Moment auch. Nicht unbedingt mit genau diesem Satz, aber mit diesem Gefühl: Dein Kind ist eigentlich hellwach und neugierig, und trotzdem heißt es aus der Schule, es sei verträumt, unkonzentriert, nicht bei der Sache.

„Sie sortiert lieber ihre Stifte"

Von der Schule kam über die Zeit immer wieder dieselbe Rückmeldung. Sie ist verspielt. Sie sortiert lieber ihre Stifte, als mit der Aufgabe anzufangen.

Und ich habe das lange genauso gelesen. Noch zu verspielt. Konzentriert sich nicht. Verträumt. Ich habe, ehrlich gesagt, die Schuld zuerst bei ihr gesucht.

Erst nach und nach habe ich verstanden, was da eigentlich passiert. Meine Tochter kann sich sehr wohl konzentrieren. Nur nicht auf das, was gerade dran ist.

„Jetzt muss ich Mathe machen. Aber ich habe doch gerade ganz andere Sachen im Kopf. Mathe ist doch bei mir jetzt gar nicht dran."

ADHS und das interessenbasierte Nervensystem

Dafür gibt es tatsächlich ein Konzept, mit dem sich seit Jahren Fachleute beschäftigen, die auf ADHS spezialisiert sind. Der amerikanische Psychiater William Dodson, der seit über 25 Jahren mit erwachsenen ADHS-Patientinnen und Patienten arbeitet, nennt es das interessenbasierte Nervensystem.

Der Gedanke dahinter: Die meisten Menschen steuern ihre Aufmerksamkeit danach, wie wichtig etwas ist. Wichtig heißt: Es muss erledigt werden, also mache ich es, auch wenn es mich nicht interessiert.

Bei ADHS tickt dieser Mechanismus anders. Der Kopf springt an, wenn ihn etwas wirklich interessiert, wenn er etwas Neues entdeckt, wenn ihn eine Aufgabe herausfordert oder wenn es plötzlich eilt. Im Englischen wird dafür oft die Abkürzung PINCH verwendet: Passion, Interest, Novelty, Challenge. Greift keiner dieser Reize, bleibt der Kopf einfach aus. Egal, wie wichtig die Sache eigentlich wäre.

Das ist auch keine Frage der Willenskraft. Es hat mit Dopamin zu tun, dem Botenstoff, der uns motiviert und uns hilft, bei einer Sache zu bleiben. Bei ADHS schüttet das Gehirn davon weniger aus, deshalb braucht es einen stärkeren Reiz von außen, damit eine Aufgabe überhaupt „zündet".

Für meine Tochter heißt das: Mathe ist nicht uninteressant, weil sie faul ist. Mathe ist gerade einfach nicht das, wofür ihr Kopf gerade Feuer gefangen hat.

Ich selbst bin Meisterin im Prokrastinieren

Ich muss zugeben, dass ich das Muster ziemlich gut kenne. Nicht aus der Schule, sondern aus meinem ganz normalen Erwachsenenalltag.

Es gibt die Dinge, auf die ich Lust habe. Und es gibt die Dinge, die einfach gemacht werden müssen. Ich bin eine Meisterin im Prokrastinieren. Auch Aufschieberitits genannt. Ich schiebe Dinge auf, bis es wehtut, und dann noch ein bisschen mehr.

Mittlerweile kann ich das bei mir selbst ziemlich gut analysieren. Trotzdem fällt es mir schwer, es wirklich abzustellen. Wenn ich das schon als Erwachsene kaum steuern kann, mit jahrelanger Übung und einem fertig entwickelten Gehirn, wie soll das dann bei einem Kind gehen, das mitten im Aufbau steckt?

Kann nicht statt will nicht

Genau da liegt für mich der wichtigste Punkt in der ganzen Sache. Es geht nicht darum, ob ein Kind etwas tun will. Es geht darum, ob es gerade kann.

In einem Forum für neurodivergente Erwachsene und Eltern habe ich einen Satz gelesen, der das für mich sehr genau trifft. Eine Userin schrieb, als Erwachsene mit denselben Blockaden wie die Tochter einer anderen Mutter: „Diese Wand im Kopf ist so stark, dass sie mich körperlich daran hindert, bestimmte Dinge zu tun."

Genau diese Wand meine ich. Kein Trotz, keine Bequemlichkeit. Ein Kopf, der sich gerade schlicht nicht dorthin lenken lässt, wo er hin soll.

Das verändert die Frage, die ich mir als Mutter stelle. Nicht mehr: Warum tut sie das nicht einfach? Sondern: Was braucht sie gerade, damit ihr Kopf mitmacht?

So sprichst du das Thema bei der Lehrkraft an

Hier wird es für mich persönlich noch mal konkreter. Bei der Lehrerin der ersten und zweiten Klasse habe ich das Thema nie angesprochen, weil ich diesen Hintergrund selbst noch nicht erkannt hatte.

Später, bei den Lehrkräften der höheren Klassen, fiel das Wort ADHS zwar hin und wieder. Aber weil meine Tochter nicht dem typischen Bild entspricht d.h. dem Zappelphillip, wurde es nie wirklich ernsthaft besprochen. Im Zentrum stand die Dyskalkulie, das eine Fach, das wir in den Griff bekommen sollten. Nicht der Zusammenhang dahinter.

Das ist übrigens kein Einzelfall. Mädchen mit ADHS haben in aller Regel die unaufmerksame Form, ohne Zappeln, ohne Auffallen. Fachleute wie der Psychologe Stephen Hinshaw von der University of California Berkeley beschreiben genau dieses Muster: Stigma trifft leise Auffälligkeiten oft härter als laute, weil sie schwerer zu greifen sind. „Sie ist doch klug, warum kriegt sie das nicht hin?"

Wenn du das bei deinem Kind auch beobachtest, hier ein paar Dinge, die aus meiner eigenen Erfahrung und aus dem, was ich inzwischen gelesen habe, wirklich helfen können. (Mehr Praxistips auch hier www.childmind.org.)

Sprich früh und konkret mit der Lehrkraft, nicht erst wenn es brennt. Ein kurzes Gespräch oder eine E-Mail zu Beginn des Schuljahres reicht oft schon. Beschreibe, was du beobachtest, in Verhalten, nicht in Diagnose-Sprache: „Sie kann sich stundenlang in ein Thema vertiefen, das sie interessiert. Bei Dingen, die sie nicht interessieren, fällt ihr das Dranbleiben sehr schwer."

Frag aktiv nach, statt zu warten, ob die Schule von sich aus draufkommt. Lehrkräfte wissen sehr unterschiedlich viel über die stille, unaufmerksame Form von ADHS. Manche kennen das Muster gut, andere fast nur das laute, zappelige Bild. Es ist keine Bloßstellung, danach zu fragen, sondern ein Angebot, gemeinsam genauer hinzuschauen.

Nenne auch die Stärken, nicht nur die Baustelle. Ein Kind, das sich in ein Interesse vertiefen kann, hat eine echte Fähigkeit, nur eben nicht auf Knopfdruck bei jedem Fach. Wenn Lehrkräfte das mitdenken, verändert sich oft auch der Ton, in dem sie über das Kind sprechen.

Bleib dran, auch wenn erstmal nur ein Fach im Fokus steht. Bei uns hat die Schule lange nur die Dyskalkulie behandelt, während der größere Zusammenhang liegen blieb. Es ist okay, noch mal nachzuhaken, dass es dabei um mehr als ein einzelnes Fach geht.

Ich habe selbst gemerkt, dass sich vieles leichter anfühlt, seit ich das Thema aktiv anspreche, statt zu hoffen, dass es von allein auffällt.

Was ich meiner Tochter heute sagen würde

Wenn ich noch mal am Anfang stehen könnte, würde ich früher hinschauen. Nicht, um sie schneller in eine Schublade zu stecken, sondern um ihr früher zu glauben.

Sie hat recht gehabt, damals nach der ersten Schulwoche. Schule war wirklich anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Für ihren Kopf, der nach Interesse sucht und nicht nach Stundenplan, war das keine Übertreibung. Es war einfach wahr.

Und darüber was diese Erfahrung mit dem Selbstwert macht, habe ich in einem anderen Artikel geschrieben. "Nichts, was mich interessiert, zählt in der Schule."

Portraitfoto einer Frau mit langen Haaren