„Nichts, was mich interessiert, zählt in der Schule“ – was dieser Satz wirklich bedeutet

Apr. 20, 2026 | Familie, Alltag & Selbstfürsorge, Sensible & feinfühlige Kinder

„Nichts, was mich interessiert, ist in der Schule wichtig." Dieser Satz saß tief.
Meine Tochter hat das ganz beiläufig gesagt, so nebenbei, zwischen zwei anderen Sätzen, und ich habe erstmal weitergemacht, was ich gerade gemacht habe – und dann ungefähr drei Sekunden später gemerkt, dass mir dieser Satz gerade ziemlich in die Magengrube gefahren ist. Weil ich sofort wusste, was sie meinte.

Sie hatte sich nämlich so auf Englisch gefreut. Sie hatte sich die Sprache selbst beigebracht. Fließend, lange bevor sie die erste Unterrichtsstunde überhaupt hatte. Und dann saß sie da im Unterricht und bekam Punktabzug, weil sie in einem Test für eine Vokabel nur eine statt zwei deutsche Entsprechungen genannt hatte.

Im Kunstunterricht war dasselbe. Ausgerechnet dort, wo doch eigentlich Raum sein sollte für alles, was nicht in Kästchen passt, wird bewertet, wie der Strich sitzt. Nicht, was hinter der Idee steckt.

Warum sensible Kinder lernen, sich klein zu machen

Kinder wie meine Tochter fallen nicht auf. Sie machen mit, sie funktionieren, irgendwie geht das schon. Aber ich sehe eben auch, wie sich das über die Jahre verschiebt. Wie aus „Englisch ist mein Lieblingsfach" ein schulterzuckendes „geht so" wird. Und wie das Übersprudeln vor Ideen langsam leiser wird, zumindest immer dann, wenn Schule im Spiel ist.

Das Verrückte daran ist ja, dass es nicht daran liegt, dass sie weniger kann. Eher im Gegenteil. Aber in einem System, das vor allem das bewerten kann, was sich bei allen gleich abfragen lässt, kommen bestimmte Stärken schlicht nicht vor. Und wenn das lange genug so läuft, zieht ein Kind irgendwann seinen eigenen Schluss daraus. Nicht laut, nicht dramatisch, eher so ein stilles: den anderen scheint das alles leichter zu fallen. Vielleicht stimmt mit mir etwas nicht.

Dabei stimmt alles mit ihr. Nicht sie passt nicht rein – der Maßstab passt nicht zu ihr.

Was Kinder wirklich stark macht – und es ist keine Methode

Was ich tun kann, ist überschaubar, das war mir schnell klar. Die Schule kann ich nicht ändern. Also habe ich angefangen, in die andere Richtung zu denken: was bracuht sie eigentlich zuhause? Nicht als Ausgleich, nicht als Therapie für den Schultag, sondern einfach als Ort, an dem sie sie sein darf.

Und dabei bin ich auf etwas gestoßen, das mich richtig erleichtert hat.

Die Resilienzforschung – also die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, was Kinder innerlich stark macht – kommt seit Jahren zu einem erstaunlich schlichten Ergebnis: Was Kinder brauchen, ist keine Methode. Kein Programm, kein Training, keine App. Sondern mindestens eine Person, die das Kind wirklich sieht. Eine Bezugsperson, bei der es erlebt: ich bin gut so wie ich bin. Was ich kann, zählt, ich werde hier nicht gemessen.

Klingt fast zu einfach, oder? Die Forscherin Corina Wustmann, die sich jahrelang mit Resilienz bei Kindern beschäftigt hat, sagt es so: Resilienz ist nicht trainierbar und nicht machbar, sie entsteht durch verlässliche Beziehungen und durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Alltag.
Selbstwirksamkeit heißt dabei nichts anderes als: ich erlebe, dass ich etwas kann. Dass mein Handeln etwas bewegt, dass meine Art zu denken, zu fühlen, zu sehen irgendwo einen Unterschied macht.
Und genau das bekommen Kinder wie meine Tochter in der Schule eben selten. Nicht weil die Lehrerinnen und Lehrer das nicht wollen, sondern weil ein System, das dreißig Kinder gleichzeitig begleiten muss, gar nicht anders kann, als vieles über einen Kamm zu scheren.
Also muss der Ort, an dem ihr Inneres zählt, woanders sein.

Was einfacher klingt als es ist. Denn die Schule zweifelt ja auch mit. Noten, Rückmeldungen, Elterngespräche – und irgendwann fängt man selbst an zu fragen: stimmt da vielleicht doch etwas nicht mit meinem Kind, bin ich zu unkritisch, sehe ich etwas, das gar nicht da ist...?
Diesen Zweifel kenne ich gut, und ich glaube, viele Eltern kennen ihn.
Geholfen hat mit an Ende kein Ratgeber, sondern zu verstehen, wie ich mit ihr umgehe – und was das in ihr auslöst.

Aber was bedeutet das Gesehenwerden konkret – und wo schleicht sich dabei ein Fehler ein, den ich selbst lange gemacht habe?

Warum „du bist so talentiert" nach hinten losgehen kann

Es war das Loben. Ausgerechnet.
Ich habe meine Tochter gelobt, und zwar viel. „Du bist so kreativ." „Du bist so talentiert." Ich dachte, das baut sie auf, das ist doch das Mindeste, was ich tun, kann, wenn die Schule schon nicht hinschaut. Und dann lese ich bei Carol Dweck, Psychologieprofessorin in Stanford, dass genau das nach hinten losgehen kann.

Kinder, die immer wieder hören wie talentiert sie sind, fangen nämlich an, dieses Bild zu schützen. Sie vermeiden Fehler, sie wählen den sicheren Weg, weil beim ersten Misserfolg das ganze Selbstbild ins Wanken gerät. Ein Misserfolg heißt dann nicht mehr „das hat nicht geklappt" – sondern „vielleicht bin ich doch nicht so talentiert". Das komplette Selbstbild hängt an einer einzigen Note oder an einem einzigen Kommentar.

Was stattdessen hilft, ist unspektakulärer als ich dachte: benennen, was man sieht. Nicht „du bist so talentiert" – sondern „du hast dir das selbst beigebracht das ist dir nicht einfach zugeflogen." Nicht „du bist so kreativ" – sondern „du hattest eine Idee und hast sie einfach ausprobiert."

Carol Dweck nennt den Unterschied Fixed Mindset und Growth Mindset.
Ein Kind mit Fixed Mindset glaubt: ich bin so, wie ich bin – und Fehler bedrohen dieses Bild.
Ein Kind mit Growth Mindset glaubt: ich kann wachsen – und Fehler gehören einfach dazu.
nd welches der beiden sich entwickelt, hängt laut Dweck stark davon ab, wie wir mit unseren Kindern sprechen.
Nicht ob wir loben, Sondern wofür.

Einen Ort schaffen, wo nichts bewertet wird

Bei uns sieht das sehr unterschiedlich aus. Sie bastelt, malt, nimmt Videos auf und schneidet sie. Seit einem Jahr geht sie zu einem Töpferkurs – bei einem Künstler, der keine Vorgaben macht und Ideen nur dann gibt, wenn sie gefragt werden. Der ansonsten einfach daneben steht und schaut. Und ich beobachte, was das mit ihr macht. Sie kommt da anders raus als aus der Schule. Nicht erschöpft. Eher voll – aber auf eine gute Art.

Das ist kein Programm. Das ist ein Ort. Ein Ort, der nichts von ihr will.

Vielleicht hast du so einen Ort auch schon – ohne dass du ihn so genannt hättest. Den Nachmittag, an dem niemand fragt, was dabei rauskommt, die Sache, bei der dein Kind einfach macht, das Hobby ohne Note.

Genau dafür habe ich die Mutpausenbücher gemacht. Nicht als Lernprogramm, nicht als Kreativkurs, sondern als einen Ort, der keine Erwartungen stellt. Kein richtig, kein falsch, kein Strich, der bewertet wird. Nur Seiten, die warten, und ein Kind, das selbst entscheidet, was daraus wird.
Malen, kritzeln, leer lassen, alles ist erlaubt. Nichts muss werden.

Das klingt vielleicht nach wenig. Aber für ein Kind, das den ganzen Tag in einem System verbracht hat, das vorgibt, was zählt, ist das manchmal aber genau das Richtige. Ein kleiner Ort, der sagt, hier bist du genug. Einfach so. Für dein Kind. Und vielleicht auch ein bisschen für dich.


Bücher, die keine Aufgaben stellen,
nichts von Kindern verlangen, sondern Räume öffnen.
Räume für Pause.
Für „Ich darf“. Für „Ich bin genug“.
Für leise Tage und volle Köpfe.

Aufgestelltes Mal- und Kreativbuch „Kleine Mutpausen“ mit Luchs-Cover, dahinter Fuchs-Ausgabe.