Werte-Listen lese ich selbst eigentlich nicht gern. Ich habe das Gefühl, da wird sich manchmal überlegt, was gut und professionell klingt, und dann stehen da Wörter wie "Authentizität" und "Augenhöhe", und hinterher weiß man genauso viel wie vorher.
Trotzdem schreibe ich jetzt eine. Weil besonders drei Dinge bestimmen, was ich hier schreibe und entwickle und was nicht. Weil sie meinen Blick prägen auf meine Arbeit, auf das, was mir wichtig ist, was ich weiter verfolge, in was ich mich hineinknie und was ich links und rechts liegenlasse, weil es nicht zu mir und meinen Werten passt.
Begeisterungsfähigkeit: Das Leuchten sehen
Ich liebe es, wenn jemand von etwas erzählt und dabei anfängt zu leuchten. Es ist völlig egal, wovon. Jemand erzählt mir von einem Hobby, das außer ihm niemanden interessiert, oder von einem Schmetterling, der ihm vorhin über den Weg geflogen ist, und auf einmal ist da dieses Leuchten, und die Begeisterung ist richtig spürbar. Es gibt immer etwas, für das man sich begeistern kann. Das dachte ich zumindest früher. Ich habe das für "normal" gehalten und bin davon ausgegangen, dass es allen so geht. Wie man sich täuschen kann.
Und das ist etwas, was ich schwer aushalte, Menschen, die das Gegenteil ausstrahlen. Diese Abgestumpftheit, in der nichts mehr auffällt und nichts mehr schön ist. Und in der jede Frage mit einem „Das war schon immer so", erledigt ist, bevor jemand sie zu Ende gestellt hat.
Noch schwerer fällt mir der Umgang mit denen, die das Leuchten bei anderen ausmachen, wie mit einem Schalter neben dem Türrahmen. Die genau sehen, dass da jemand gerade brennt, und es trotzdem kleinreden. Ein Satz reicht dafür, manchmal auch nur ein Blick.
Bei Kindern geht das besonders schnell, weil sie noch glauben, was Erwachsene über ihre Interessen sagen. „Das ist doch langweilig." „Damit kannst du später nichts anfangen." „Jetzt fang nicht schon wieder davon an." Ein Kind braucht nicht viele solcher Sätze, bis es aufhört, von dem zu erzählen, was ihm gerade alles bedeutet. Es hört ja nicht auf, sich dafür zu begeistern. Es behält es nur für sich.
Bei leisen Kindern kommt noch etwas dazu. Ihre Begeisterung wird sowieso leicht übersehen, weil sie nicht laut davon erzählen, sondern sich still hineinvertiefen. In ein Tier, in ein Spiel oder in ein Thema, das andere längst langweilig finden. Manchmal dauert es Tage, bis dein Kind dir zeigt, was es gerade nicht loslässt, und wer in dieser Zeit nicht hinschaut, hält es für ein Kind ohne besondere Interessen. (mehr dazu unter "Nichts, was mich interessiert, zählt in der Schule")
Und gerade diese Kinder werden dann über das beschrieben, was ihnen schwerfällt. Sich organisieren, dranbleiben, in einer lauten Gruppe mithalten. Das kann alles stimmen. Es ist trotzdem nur ein Ausschnitt. Ein Kind ist nicht bloß seine Schwierigkeit. Es hat auch Interessen, Eigenheiten, Fantasie und dieses ganz eigene Leuchten. Wer schon mal einem Kind zugehört hat, das ganze Geschichten im Kopf hat und sie in einem geschützten Raum erzählt, der kennt dieses Leuchten in den Augen, die ansteckende Begeisterung, das Überschäumen und das Strahlen.
Deshalb gibt es bei Kleine Mutpausen auch kein Leistungsziel. Denn aus einem Interesse muss kein Talent werden und kein Projekt. Es darf einfach das sein, was ein Kind gerade zum Leuchten bringt.
Empathie: Einfühlen und nicht drüberstülpen
Empathie heißt für mich nicht, dass ich immer weiß, was in jemandem vorgeht. Es heißt, dass ich es nachfühlen kann. Dass ich mich für einen Moment auf den Platz eines anderen stelle und von dort aus schaue, statt von meinem eigenen Platz aus zu beurteilen, was da gerade passiert. Das ist mir wichtig, und zwar nicht nur bei Kindern.
Ehrlich ist aber auch, dass Empathie eine ziemliche Last sein kann. Ich kann sie nicht abstellen. Ich merke, wenn jemand im Raum sich unwohl fühlt, auch wenn es mich überhaupt nichts angeht, und ich trage Stimmungen mit herum, die gar nicht meine sind. An manchen Tagen hätte ich gern etwas weniger davon. Ein Kind, das genauso viel mitbekommt, hat diese Wahl noch weniger als ich.
Und auch hier sind mir Menschen, die diese Eigenschaft nicht haben, mit ganzer Leidenschaft unsympathisch. Die über jemanden drüberlabern, ohne eine Sekunde zu fragen, wie das bei dem anderen ankommt, und die ihren Stempel draufdrücken, als wäre damit alles gesagt: So ist das, Thema durch. Es ist diese Selbstverständlichkeit, mit der Leute ihr eigenes Denken über jemanden legen und es anschließend für Verstehen halten. Oder die einfach sagen, was ihnen gerade einfällt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was das beim anderen auslöst. Es ist ihnen schlicht egal, wie sich der andere danach fühlt.
Unter Erwachsenen ist das anstrengend, weil man widersprechen kann. Bei Kindern hat es Folgen, und meist bekommt sie niemand mit.
Denn ob so ein Satz angekommen ist, sieht man einem Kind nicht unbedingt an. Manche zeigen es sofort. Andere lächeln und machen weiter, und genau da fängt an, was ich meine, wenn ich vom Maskieren spreche. Ich sehe es einem Kind an, wenn es maskiert: wenn es ja sagt und nein meint, wenn es brav zuhört und lächelt, während im Gesicht etwas ganz anderes läuft. Der Blick geht kurz weg, und das Lächeln kommt einen Moment zu spät.
Von außen sieht das nach einem unkomplizierten Kind aus. Genau deshalb hört so ein Kind Sätze wie „So schlimm war das doch nicht" oder „Jetzt stell dich nicht so an". Beide sagen dasselbe: Meine Version zählt mehr als deine. Und weil dieses Kind selten widerspricht, kommt nie etwas zurück, das diese Version ins Wanken bringt. Ein Kind, dessen Nein regelmäßig überhört wird, hört irgendwann auf, es zu sagen. Nicht, weil es keins mehr hätte.
Deshalb schreibe ich hier nicht darüber, wie man ein Kind richtig liest. Ich schreibe über das, was ich sehe. Du kennst dein Kind, ich nicht.
Sicherheit: Nicht behaupten, was gut klingt
Ich bin keine Abenteurerin. Wagemut gehört nicht zu meinen Stärken. Ich brauche festen Boden unter den Füßen, und das zieht sich durch alles, was ich tue. Es hat allerdings auch eine unangenehme Schwester: Ich denke Dinge gern zu lange, überlege hin und her, dann vorsichtshalber nochmal hin. Overthinking mit Ansage.
So blockierend das manchmal sein kann: Beim Schreiben ist mir genau diese Eigenschaft aber wichtig. Ich will sicher sein, dass stimmt, was ich behaupte und haue nichts raus, nur weil es sich im Moment ok anfühlt.
Dabei sind es sehr wohl viele Ideen, die einem Impuls folgen. Ich bin nebenbei auch Queen of Impuls. Nur muss für mich danach etwas kommen, das ihn trägt. Fakten, Wissen, und eine Antwort auf die Frage: ja, was genau eigentlich?
Große Versprechen, hinter denen nichts steht, sind mir ein Gräuel. Genauso Halbwissen, das mit großer Geste verteilt wird. Einen schönen Gruß an Social Media. Bei Kinderthemen wiegt das doppelt, weil da Eltern zugreifen, die gerade nicht weiterwissen und jede Sicherheit nehmen, die ihnen jemand anbietet.
Deshalb trenne ich beim Schreiben, was ich selbst beobachtet habe, was Forschung belegen kann und was bei jedem Kind anders sein darf. Und ich mache immer wieder deutlich: Kleine Mutpausen ersetzt keine therapeutische oder medizinische Begleitung und stellt keine Diagnosen.
Im Blog heißt das konkret, dass ich die Studien lese, über die ich schreibe, und nicht nur die Überschriften darüber. Ich schreibe dazu, was eine Untersuchung zeigt und was sie eben nicht zeigt, denn das ist meistens der interessantere Teil. Wenn irgendwo etwas an ein paar hundert Kindern gefunden wurde, sagt das noch nichts über dein Kind, das gerade bei dir am Küchentisch sitzt. Und wenn ich selbst einen Begriff benutze, der in der Forschung gerade umstritten ist, schreibe ich das dazu, statt ihn weiter mitzuschleifen. Nachlesen kannst du das zum Beispiel in dem Artikel darüber, warum leise Mädchen mit ADHS so oft übersehen werden.
Bleibt die Frage, was ich dir stattdessen anbiete, wenn ich schon nichts verspreche. Es ist kein Lösungsweg und keine Methode, sondern ein ruhiger Gegenraum: Bücher, die nichts messen, und ein Ort für Gefühle, Gedanken und Rückzug.
Denn manchmal braucht ein Kind nicht noch ein System, ein Arbeitsblatt oder eine Erklärung. Sondern zuerst das Gefühl, nicht falsch zu sein.
Das sind sie. Drei meiner wichtigsten Werte. Keine Poster-Wörter, sondern das, was ich beim Schreiben tatsächlich abwäge. Es lohnt sich, sich mal hinzusetzen und zu überlegen: Was ist mir wichtig, wonach handle ich eigentlich und welche Werte stecken dahinter? Das kann sehr erhellend sein. Ich ertappe mich nämlich immer wieder dabei, zu denken "ist ja normal, macht ja jeder." Und das ist es oft eben nicht.
Was sind deine wichtigsten Werte? Bist du dir bewusst, durch welche Filter du die Welt siehst und bewertest?

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