Warum heute mehr Kinder eine ADHS-Diagnose bekommen. Und was das nicht bedeutet.

Okt. 30, 2026 | ADHS, Autismus & Diagnose

„Heute hat ja jedes Kind was.“

Der Satz fällt beim Kaffee mit der Freundin, am Telefon mit der Oma, manchmal sogar im Elterngespräch. Meistens genau dann, wenn du gerade überlegt hast, ob du dein Kind abklären lassen solltest. Und plötzlich fühlt sich deine Frage an, als würdest du einem Trend hinterherlaufen.

Die Zahlen scheinen dem Satz recht zu geben. 2024 haben in Deutschland hochgerechnet rund 202.000 Kinder und Jugendliche zum ersten Mal eine ADHS-Diagnose bekommen, 16 Prozent mehr als im Jahr davor. Das zeigt eine Auswertung der DAK. Wer genauer hinschaut, findet in denselben Zahlen aber eine andere Geschichte als „jedes Kind hat was“.

Kurz gesagt

  • In Deutschland blieb der Anteil der Kinder mit ADHS-Diagnose über viele Jahre etwa gleich. Erst 2023 und 2024 stiegen die Neudiagnosen deutlich, am stärksten bei Mädchen.
  • Studien aus Dänemark zeigen: Wer heute eine Diagnose bekommt, passt seltener ins alte Risikobild. Die Kriterien sind breiter geworden, und es fallen Kinder auf, die früher übersehen wurden.
  • Ob ein Kind eine Diagnose bekommt, hängt auch davon ab, wo es wohnt und wer in der Nähe ist, der hinschauen kann.
  • Die Statistik sagt viel über das Hinschauen. Über dein Kind sagt sie nichts.

Wenn du gleich wissen willst, was das für dein Kind heißt: hier entlang.

Gibt es wirklich mehr Kinder mit ADHS? Die Zahlen aus Deutschland

Für Deutschland gibt es zwei Blicke über längere Zeit, und beide zeigen dasselbe. In einer großen Befragung des Robert Koch-Instituts gaben 2014 bis 2017 die Eltern von 4,4 Prozent der Kinder an, dass ihr Kind eine ADHS-Diagnose hat. Das war sogar etwas weniger als zehn Jahre zuvor (Göbel et al., Journal of Health Monitoring 2018). Die Abrechnungen der Arztpraxen zeigen für 2009 bis 2016 ebenfalls keinen Anstieg, 2016 waren es rund 4,3 Prozent (Ärzteblatt, 2018).

Grafik: ADHS-Diagnosen bei Kindern in Deutschland 2023 zu 2024

Wenn dir also jemand sagt, heute habe jedes Kind was: Über viele Jahre stimmt das schlicht nicht.

Bewegung kommt erst in den letzten Jahren. Laut einer Auswertung der DAK stiegen die Neudiagnosen vor allem 2023 und 2024, und zwar am stärksten bei Mädchen (Pharmazeutische Zeitung, 2026). Bei ihnen lag das Plus zum Vorjahr bei 21 Prozent, seit 2020 sind es fast 50 Prozent. Jungen bekommen die Diagnose trotzdem noch etwa doppelt so oft. Die Daten stammen von einer einzigen Krankenkasse und sind hochgerechnet, sie zeigen also einen Trend und keine exakte Zahl.

Warum die Zahlen vor allem bei Mädchen steigen

Wenn du an dieser Stelle an dein leises Kind denkst, liegt das nahe. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt:innen, deutet den starken Anstieg bei Mädchen so: ADHS wurde bei ihnen lange zu selten erkannt. Ihre Schwierigkeiten zeigen sich oft weniger nach außen, und deshalb wird die Störung erst spät sichtbar.

Ein Mädchen, das im Unterricht still ist, das nicht stört und alles irgendwie schafft, löst keinen Alarm aus. Wie viel Kraft das kostet, zeigt sich oft erst zu Hause oder Jahre später. Warum gerade diese Kinder so lange übersehen werden, steht ausführlicher im Artikel über ADHS bei Mädchen. Wie Kinder ihre Not hinter einer angepassten Fassade verstecken, beschreibt der Artikel über Masking bei Kindern.

Ein Teil der neuen Diagnosen ist also eine Korrektur, die überfällig war. Wenn du bei deinem stillen Kind genauer hinschaust, läufst du keinem Trend hinterher. Du schaust dorthin, wo lange niemand hingeschaut hat.

Was steckt hinter den steigenden Diagnosezahlen?

Die naheliegende Sorge lautet: Entweder werden die Kinder kränker, oder Diagnosen werden leichtfertig vergeben. Fachleute wie der Charité-Psychiater Christoph Correll nennen auch Stress, mögliche Spätfolgen der Pandemie und viel Mediennutzung als Gründe. Wie viel davon was ausmacht, weiß im Moment niemand genau. Zwei neue Studien aus Dänemark zeigen aber, was sich in jedem Fall verändert hat.

Die Kinder mit Diagnose sehen heute anders aus als früher

Früher hingen ADHS- und Autismus-Diagnosen deutlich mit bekannten Risikofaktoren zusammen: Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, schwierige soziale Verhältnisse. Ein Forschungsteam in Dänemark hat gezeigt, dass dieser Zusammenhang in zehn Jahren spürbar schwächer geworden ist (Tarp et al., JAMA Psychiatry 2026). Eine zweite Studie kommt über die Gene zum selben Ergebnis und hat verschiedene Erklärungen durchgerechnet. Am besten passt: Die Diagnosekriterien sind breiter geworden (LaBianca et al., JAMA Psychiatry 2026).

Breiter heißt hier, dass heute Kinder erkannt werden, die früher nicht ins Bild passten. Das Kind ohne schwierigen Start ins Leben, das nicht auffällt. Ob dabei auch Kinder eine Diagnose bekommen, die keine bräuchten, darüber streiten Fachleute. Eine Welle grundloser Diagnosen zeigen die Studien aber nicht.

Für dich heißt das: Dass dein Kind gut ins Leben gestartet ist und nicht auffällt, spricht nicht dagegen, genauer hinzuschauen.

Der Wohnort entscheidet mit

Ein Befund macht mich wütend. Ob ein Kind eine Diagnose bekommt, hängt auch davon ab, wo es wohnt. In Deutschland lag der Anteil der Kinder mit ADHS-Diagnose 2016 je nach Kreis zwischen 1,6 und 9,7 Prozent. Wo es viele Praxen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und für Kinderheilkunde gibt, wird ADHS häufiger festgestellt (Ärzteblatt, 2018).

Dass Kinder im einen Landkreis viermal so oft neurodivergent sind wie im anderen, glaubt ja nun niemand ernsthaft. Der Unterschied liegt im Zugang: ob jemand in der Nähe ist, der sich auskennt, ob es Termine gibt und ob jemand den nächsten Schritt geht.

Die Diagnosezahl misst also auch, wie gut ein Ort hinschaut. Und wo wenig hingeschaut wird, rutschen zuerst die leisen Kinder durch. Wenn du lange auf einen Termin wartest oder vertröstet wirst, sagt das etwas über die Versorgung in deiner Gegend. Mit deinem Kind hat das wenig zu tun.

Ist ADHS eine Modediagnose?

Eine Modediagnose wäre eine, die ohne Grund vergeben wird, weil sie gerade angesagt ist. Dafür geben die Zahlen nichts her. Sie zeigen, dass in Deutschland über viele Jahre etwa gleich viele Kinder eine ADHS-Diagnose hatten. Sie zeigen, dass zuletzt vor allem Mädchen dazukommen, bei denen Fachleute schon lange sagen, dass sie übersehen werden. Und sie zeigen, dass heute auch Kinder erkannt werden, die nicht ins alte Bild vom zappelnden Jungen mit schwierigem Start passen.

Mehr Diagnosen heißen vor allem: Es wird mehr und anders hingeschaut.

Der Satz „Heute hat ja jedes Kind was“ stimmt deshalb nicht. Er hilft auch niemandem. Er klingt nach gesundem Menschenverstand, aber er beendet ein Gespräch, bevor es angefangen hat. Und er trifft am härtesten die Kinder, die ohnehin keiner bemerkt, weil sie nicht stören.

Was die steigenden Zahlen für dich und dein Kind bedeuten

Die Statistik beantwortet eine Frage über ein ganzes Land. Deine Frage ist eine andere: Was erlebt dein Kind im Alltag?

Du übertreibst nicht, wenn du hinschaust. Ob dein Kind Unterstützung braucht, entscheidet sich an dem, was du siehst: wie es nach der Schule ankommt, wie viel Kraft der Tag kostet, was es über sich selbst sagt. Dafür brauchst du keine Diagnose, wie der Artikel Was dein Kind auch ohne Diagnose braucht zeigt.

Wenn es zu einer Abklärung kommt, kannst du nachfragen, worauf sich das Ergebnis stützt. Ein einzelner Fragebogen reicht dafür nicht. Gerade ist einer der weltweit am häufigsten genutzten Elternfragebögen, die CBCL, in einer Übersichtsarbeit zur Messgenauigkeit durchgefallen, und zwar genau beim Bereich Aufmerksamkeit (Chen et al., BMC Pediatrics 2026).

Ein gutes Ergebnis setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: Gespräch, Beobachtung, deine Schilderung des Alltags, im besten Fall auch die der Lehrkraft. Gerade bei stillen Kindern, bei denen die Unaufmerksamkeit leise bleibt, ist das wichtig. Mehr dazu, wie sich das stille ADHS vom lauten unterscheidet, steht im Artikel ADS oder ADHS.

Und wenn am Ende eine Diagnose steht, ist sie ein Werkzeug. Sie kann Türen in der Schule öffnen und erklärt manches, was vorher keinen Namen hatte. Ein Urteil über dein Kind ist sie nicht. Und ein Trend auch nicht.

Häufige Fragen zu steigenden ADHS-Diagnosen

Ist ADHS eine Modediagnose?

Nein. In Deutschland lag der Anteil der Kinder mit ADHS-Diagnose über viele Jahre stabil bei etwas über vier Prozent. Der Anstieg seit 2023 geht stark auf Mädchen zurück, die lange zu selten erkannt wurden. Studien aus Dänemark zeigen zudem, dass heute eher Kinder erkannt werden, die nicht ins alte Risikobild passen.

Gibt es heute mehr Kinder mit ADHS als früher?

Das lässt sich nicht sicher sagen. Sicher ist, dass mehr Kinder eine Diagnose bekommen. Die dänischen Studien sprechen dafür, dass vor allem die Kriterien breiter geworden sind und genauer hingeschaut wird. Ob zusätzlich mehr Kinder betroffen sind, etwa durch Belastungen der letzten Jahre, ist offen.

Werden Kinder heute zu schnell diagnostiziert?

Darüber gibt es unter Fachleuten unterschiedliche Meinungen. Die Zahlen zeigen vor allem große Unterschiede je nach Wohnort. Manche Kinder bekommen eine Diagnose eher, andere warten lange oder werden gar nicht abgeklärt. Ein sorgfältiges Ergebnis sollte sich nie auf einen einzelnen Fragebogen stützen.

Warum bekommen Mädchen die ADHS-Diagnose oft später?

Weil sich ADHS bei ihnen häufiger nach innen zeigt: Verträumtheit, Erschöpfung, Grübeln statt Unruhe im Klassenzimmer. Wer nicht stört, fällt seltener auf. Der aktuelle Anstieg der Diagnosen bei Mädchen spricht dafür, dass sich das gerade ändert.

Portraitfoto einer Frau mit langen Haaren, Nicole Cox

Salut, ich bin Nicole

Ich schreibe hier über Kinder, die übersehen werden, weil sie niemanden stören. Manche sind leise und sonst nichts. Bei anderen steckt ADHS, Autismus oder Hochsensibilität dahinter, in der Variante, die in keiner Klasse auffällt. Für diese Kinder mache ich die Kleinen Mutpausen: Mal- und Kreativbücher, in denen nichts muss. Und für dich schreibe ich diesen Blog, weil du oft die Einzige bist, die es sieht.
Laut hat nicht recht, weil es laut ist.

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